Achtsamkeit – Erscheinung, Boom oder noch ursprünglich?

Gestern flatterte die neue Psychologie Heute 01/2016 ins Haus. Auf der Titelseite springt mich mittig unten ein Artikelhinweis an: „ACHTSAMKEIT Der Boom verfälscht das Konzept“. Heute schlage ich die Zeitschrift dann auf, um den Artikel von Andreas Knuf, Psychologischer Psychotherapeut, zu lesen. Und denke: ja, der Mann hat Recht! Vor ein paar Tagen schon sind mir zwei Artikel unter gekommen, bei deren Lektüre ich dachte, man müsste mehr ehrlich über Achtsamkeit schreiben!

Aber was würde das bedeuten? Ehrlich über Achtsamkeit schreiben. Da bin ich beim BOOM. JA, er ist da, der Trend, die Modeerscheinung, der Boom. Jeder findet plötzlich Achtsamkeit total klasse. Sie ist „salonfähig“ geworden. Sage ich heute irgendwo „Ich bin Achtsamkeitstrainerin“ drehen sich Köpfe interessiert, wo vor einer Weile noch Schmunzeln, eventuell Augenrollen oder inneres Abhaken als Reaktion erfolgt wäre. Denn Achtsamkeit ist jetzt so „gestutzt“ und für die Masse aufbereitet, dass jeder ES kann. Aber was denn eigentlich? Einen MBSR-Kurs belegen und danach wieder frisch in die alte Mühle zurückkehren? Einen Yoga-Kurs machen und denken, er lebt achtsam? Ich habe NICHTS gegen MBSR-Kurse und mache selbst hin und wieder sehr gerne Yoga. Aber Achtsamkeit ist mehr als diese einzelnen Aktivitäten, die im Dschungel der Betriebsamkeit eine Möglichkeit sein können, eine Unterbrechung zu setzten.

Der Ursprung der Achtsamkeitslehre liegt im Buddhismus. Und dort hat ihn auch Jon Kabat-Zinn kennengelernt, der so erfolgreich die mindfulness-based stress reduction als – ich nenne es gewagt – Heilungsweg unserer Immer-schneller-Gesellschaft erarbeitet hat. Aber wenn aus mindfulness-based stress reduction am Ende mindfulness-based Mind Fitness Training für us-amerikanische Soldaten wird, die dadurch psychisch widerstandfähiger und auch leistungsstärker im Einsatz werden sollen (Knuf schreibt in seinem Artikel davon), spätestens DANN ist die ursprüngliche Achtsamkeitslehre ad absurdum geführt.

Denn Achtsamkeit ist kein Trainingsprogramm, Achtsamkeit ist eine innere Haltung. Ist, sozusagen, Einstellungssache! Grundbegriffe der Achtsamkeit sind Gegenwärtigkeit (im Jetzt zu sein), Gewahrwerden (wahrnehmen was ist, in mir und um mich, ohne zu werten), Selbstmitgefühl (meine Gefühle zulassen), Dankbarkeit (im Großen und Kleinen)…. und und und. Und wie Knuf in seinem Artikel richtig schreibt, verschwindet beim modernen Trend von McMindfulness (ich werde gelassen, um wieder mithalten zu können und bitte zack zack mit Selbsthilfebuch oder Mini-Kurs) „…jede ethische Reflektion, jedes spirituelle Anliegen…“! Die buddhistische Lehre ist eine ethische Lehre. Achtsamkeit zu üben und sie im eigenen Leben zu verankern bedeutet nicht, sich täglich auf ein Meditationskissen zu setzten. Achtsamkeit bedeutet mit der Zeit ein Gespür für sich und im weiteren für seine Umwelt und sein Umfeld zu bekommen. Ein tiefes Gespür. Wer achtsam übt – atmen, gehen, essen, hören, sprechen… (auch auf dem Meditationskissen sitzen, wenn einem das entspricht) – nimmt wahr, lässt zu, gelangt zu einer gewissen Distanz des allgemeinen „Richtig oder Falsch“. Üblich oder unüblich. Gesellschaftlich angerkannt oder eben nicht. Wer achtsam übt und sich als in der Welt versteht, nimmt auch seine Verantwortung – für sich selbst, den nächsten, das Ganze – irgendwann intensiver wahr. Ja, Achtsamkeit IST eine Hilfe in dieser ach so schnellen und sowohl unmoralischen, als auch auf neue Art moralisierenden Welt. Aber nicht in dem sie Schüler der Achtsamkeit mit Hilfe von Kursen oder einzelnen Ausschnitten des Gesamten wieder „funktionsfähig“ macht. Nicht in dem man sie instrumentalisiert um der Geschwindigkeit willen, um mithalten zu können, leisten zu können, trendig zu sein. Sie lässt mich selbst mir gegenüber nachsichtiger, annehmender werden, ohne dass ich mich unter den Druck stelle, mich ändern zu müssen. Sie ermöglichst mir (noch nicht immer, aber immer öfter) meine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, ohne sie als negativ, zu anspruchsvoll oder zu wenig reflektiert oder oder oder zu bewerten. Achtsamkeit hat mich gelehrt, mit viel Dankbarkeit durch meinen Alltag zu gehen, mich im Zusammenhang des Ganzen zu sehen, der Weltgemeinschaft, der Natur… Achtsamkeit wandelt. Verändert. Denn sie ist eben Haltung! Eine ethische Ausrichtung und eine spirituelle Möglichkeit der Lebensgestaltung. Ich komme selbst aus dem christlichen Kontext. Ich bin gläubige Christin. Und doch erlebe ich die Achtsamkeitslehre als so existentiell wichtig, dass ich sie nicht mehr ablegen kann, wie man mit etwas wieder aufhören kann, wenn der Kurs zu Ende ist. Jenseits von Religion hat mich die Achtsamkeit etwas gelehrt, was wirklich verändert.

Ganz gleich, wo Achtsamkeit angesiedelt wird – ob im Gesundheitswesen, in Therapieformen, im betrieblichen Gesundheitsmanagement, in Schulen, in Zentren für Spiritualität oder bewußtes Leben, in privaten oder kommerziellen Gruppen oder Angeboten u.a. – wer sich einlässt sollte wissen, dass er Übender wird für sehr lange Zeit. Und dass sich vielleicht sein Denken verändert und sich Prioritäten verschieben. Und er vielleicht nicht mehr „funktionieren“ wird, wie vor seiner Begegnung mit Achtsamkeit, aber dennoch sehr reich sein wird!

Und, war das nun ehrlich? Ehrlich in Bezug auf Achtsamkeit? Ich hoffe 🙂 Dieser Text ist eine Art Plädoyer. Für einen Umgang mit Achtsamkeit der ihr gerecht wird. Sie wirklich wirksam sein lässt. Auch ich mache Angebote, um Achtsamkeit kennen zu lernen. Ich glaube, man muss ihr begegnen können, muss einen Raum haben, um auszuprobieren, muss herausfinden, wie man sich ihr persönlich nähern kann, sich auseinandersetzten kann mit der Lehre. Wer innerlich andockt, der finden dann seine Formen, im täglichen Leben Achtsamkeit zu üben. Und Übender bleibt man immerzu. Ich bin zuversichtlich und sage jedem, der mich fragt: probiere es einfach aus! Aber sei ernsthaft in deinem Ansinnen und nimm in Kauf, dich zu wandeln.

2 Gedanken zu “Achtsamkeit – Erscheinung, Boom oder noch ursprünglich?

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